Bibliographie / Datierungen

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Ralf Harder
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Bibliographie / Datierungen

Beitrag von Ralf Harder »

Heute habe ich die tabellarische Karl-May-Bibliographie, die bislang den Zeitraum 1874–1891 umfasste, bis zum Jahr 1900 aktualisiert:

https://www.karl-may-vereinigung.de/for ... index.html

Damit die Datierungen – insbesondere bei den Fehsenfeld-Buchausgaben – überprüft können, wurde u. a. die wichtigste Quelle, das ›Börsenblatt‹, buchstabengetreu zitiert.

Bei der ›Hausschatz‹-Fassung von Satan und Ischariot gebe ich für die Entstehungszeit des Manuskripts eine andere Datierung an als die von Roland Schmid aus den 1980er Jahren, die bislang allgemein übernommen worden ist. Als Beginn der Niederschrift vermutete Schmid damals Mai oder Juni 1891. Dabei ist ihm jedoch ein wichtiges Detail entgangen. In Die Felsenburg werden im 3. Kapitel erstmals ›Iltschi‹ und ›Hatatitla‹ als die Pferde von Winnetou und Old Shatterhand namentlich genannt und erscheinen im Verlauf der Handlung mehrmals. – In den Fehsenfeld-Bänden Old Surehand I und III (Band II besteht aus älteren Erzählungen) und »Weihnacht!« werden die beiden Pferdenamen ebenso von Karl May hervorgehoben thematisiert, desgleichen in der Kamerad-Jugenderzählung Der schwarze Mustang. Die Namen ›Iltschi‹ und ›Hatatitla‹ waren für May derart bedeutsam, dass er handschriftliche Anmerkungen in seiner Quelle, dem Sprachenwerk von Albert Samuel Gatschet, vornahm. – Die Manuskripte der Bände Winnetou I–III, Der Ölprinz und der Anfang von Im Reiche des silbernen Löwen I sind allein schon deshalb eher entstanden als das 3. Felsenburg-Kapitel, weil ›Iltschi‹ und ›Hatatitla‹ in diesen Erzählungen noch nicht erwähnt sind. Damit scheidet die Datierungsthese von Roland Schmid aus, der davon ausging, dass der komplette Roman Satan und Ischariot (im ›Deutschen Hausschatz‹ bestehend aus Die Felsenburg, Krüger-Bei und Die Jagd auf dem Millionendieb) bereits im Sommer 1892 als Manuskript komplett vorlag (Freiburger Reprint XXII, N5). Schmid begründete dies mit einer Namensgleichheit in den Schlusskapiteln; May gab dort den »berühmten Scout des Generales Grant« den Namen ›Will Parker‹. Weil der Gefährte von Sam Hawkens und Dick Stone in Winnetou I-III und Der Ölprinz ebenso hieß, soll Satan und Ischariot eher entstanden sein, – etwas anderes sei, so Schmid, »völlig undenkbar« (N 4), zumal May die Namensgleichheit für die Fehsenfeld-Buchausgabe beseitigte, indem er Will Parker durch Will Dunker ersetzte. Schmids Überlegungen beruhen allerdings auf unzureichenden Indizien und sind insgesamt nicht schlüssig, denn bekanntlich gab es das Trio, bestehend aus Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker, bereits seit 1875. Zu erwähnen ist ferner die überarbeitete Textfassung In fernen Westen von 1879, die als Grundlage für den zweiten Winnetou-Band diente. Im Ölprinz, wo die Drei als ›Kleeblatt‹ bezeichnet werden, findet man einen wichtigen Fingerzeig:

     »›Wißt Ihr vielleicht auch, daß Sam Hawkens im letzten Kriege Scout gewesen ist?‹
    ›Ja, unter General Grant.‹«

Es ist naheliegend, dass Karl May beim zügigen Verfassen des Ischariot-Manuskripts der Name ›Will Parker‹ durch die Feder glitt, als er möglicherweise unbewusst an dessen Kleeblatt-Gefährten – den ehemaligen Grant-Scout Sam Hawkens – im Ölprinz dachte. Im Übrigen verwendete May den Nachnamen ›Parker‹ (ausgerechnet mit dem Vornamen ›Sam‹) auch in Old Surehand I. – Karl May war nicht immer einfallsreich, was die Auswahl der Personennamen betrifft. Würde man jetzt wie Roland Schmid argumentieren, so hätte das Surehand-Manuskript mit ›Sam Parker‹ (nachweislich 1894 entstanden) bereits vor Winnetou I vorgelegen. Der Karl-May-Verlag hat später ›Sam Parker‹ durch ›Ralph Webster‹ ersetzt, um die Namensgleichheit in Old Surehand I zu beseitigen.

Karl May endet in seinem ›Nachwort‹ der Winnetou-Trilogie mit den Worten: »Zwar bilden die vorliegenden drei Bände ein in sich abgeschlossenes Werk, welches aber nur eine Auslese der Thaten und Erlebnisse des Apachen enthält. Der, welcher über ihn schrieb, um ihm ein Gedenken zu bewahren und für seine hinsterbende Nation Teilnahme zu erwecken, kann noch viel von ihm erzählen.« (Bd. 9, S. 631)

Bereits im folgenden ›Hausschatz‹-Jahrgang 1894/95, Nr. 20, wird Winnetou »gleich einem Halbgotte« wieder auferstehen, und er bringt die zwei unvergleichlichen Pferde mit: Iltschi und Hatatitla, von denen bekanntlich zuvor nie die Rede war.

Auch ergibt eine spätere Datierung des Kapitels In der Heimath (Krüger-Bei, Fortsetzung der Felsenburg) einen Sinn. In dem Manuskript verselbstständigt sich erstmals konkret die Old-Shatterhand-Legende. Der Ich-Erzähler heißt mit Nachnamen ›May‹, lebt als Doktor und Redakteur in Dresden und ist tatsächlich Old Shatterhand. Es werden Ereignisse kurz vor Weihnachten im Erzgebirge geschildert. Eine Entstehungszeit 1893/94 passt deutlich besser zu dieser Legendenbildung als zum Jahr 1991, bevor Fehsenfeld auf die Bildfläche erschien. Im Übrigen ist festzustellen: Wenn May bereits 1891/92 Satan und Ischariot komplett geschrieben hätte, wäre er mit einem 24-Stunden-Tag kaum ausgekommen, umso weniger bzw. kaum etwas hätte er stattdessen 1894/95 geschrieben. Wie passt das zusammen?

Roland Schmid argumentiert: »Der Umstand nämlich, […] daß eine Anfrage vom 13. Februar 1891 harmlos dahingehend lautet, ob Karl May nicht bereit wäre, einen neuen Roman zu liefern, verrät eindeutig, dass ›Mahdi II‹ etwa zum Jahresende abgeschlossen gewesen sein m u ß […]. (Freiburger Reprint, Bd. 23, A39)

Schmid zitierte den Brief vom 13. Februar 1891, den Heinrich Keiter schrieb, nicht wörtlich. Die entscheidende Passage lautet:

»Verzeihen Sie gütigst, wenn ich mir die Anfrage erlaube, ob Sie vielleicht bei Spemann erreicht haben, daß Sie noch für uns schreiben dürfen. Sie wissen wiesehr uns daran liegt, \auf/ Ihre geschätzte Mitarbeit auch ferner rechnen zu dürfen.«

Wichtig ist in Keiters Brief das Wort ›ferner‹. Es handelt sich nämlich nicht um eine Anfrage, ob May aktuell bereit sei, einen neuen Roman zu schreiben, sondern darum, ob er es künftig überhaupt noch für den ›Hausschatz‹ oder ›Marienkalender‹ darf, nachdem er im Dezember 1888 einen entsprechenden Exklusivvertrag mit Spemann abgeschlossen hatte. – Im Februar 1891 hatte Karl May seine Mahdi-Reiseerzählung noch längst nicht vollendet, die aufgrund ihrer literarischen Qualität nicht überhastet entstanden sein kann, zumal er zeitgleich Jugenderzählungen für den ›Guten Kameraden‹ schrieb.

Man kann es drehen und wenden wie man will, Textstellen mit ›Iltschi‹ und ›Hatatitla‹ sind eindeutig nach Winnetou I-III und Der Ölprinz entstanden. Dementsprechend habe ich in der tabellarischen Bibliographie noch weitere Indizien anhand primärer Quellen genannt. Auch auf die Kürzung des Kapitels In der Heimath durch Heinrich Keiter bin ich detailliert eingegangen. Es gab mehrere Konflikte und Irritationen, die dazu führten, dass May als Mitarbeiter für den ›Deutschen Hausschatz‹ nicht mehr zur Verfügung stand. In Mein Leben und Streben hat er die verschiedenen Vorgänge miteinander vermengt.

Datierungen stehen naturgemäß im Mittelpunkt einer Bibliographie. Ich habe mich aber nicht allein mit dem Werk Mays beschäftigt. Interessant ist für mich auch die Beantwortung der Frage, wann Karl und Emma May das Ehepaar Plöhn kennenlernte. Die Antwort gebe ich hier in Kurzform (in der Bibliographie natürlich etwas ausführlicher) mit den zentralen Punkten:

1. Eine Gerichtsaussage von Louise Dietrich vom 2. März 1908: »Auch in den ersten Jahren noch, als Mays in der Lößnitz wohnten [hier kann nur die ›Villa Agnes‹ in Oberlößnitz gemeint sein, nicht die Mietwohnung in Niederlößnitz unweit des heutigen Altkötzschenbroda], habe ich noch in ihrem Hause [sic!] verkehrt. Den Verkehr habe ich erst abgebrochen, als die Plöhn anfing, öfters in der Familie Mays zu verkehren. […] Ich brachte einmal der Frau [Emma] May, die gern selbstgebackenen Kuchen aß, einen Napfkuchen mit, und zwar, wenn ich mich recht entsinne, zu ihrem Geburtstag. Ich glaube, ich habe den Kuchen auf den Geburtstagstisch gelegt. Als ich abends wieder wegging, drückte mir die Plöhn meinen Kuchen ohne Wissen der Eheleute May wieder in die Hände mit den Worten, ich sollte doch den Kuchen wieder meinen Kindern mitnehmen. Ueber diese mir angetane Beleidigung war ich sprachlos. Ich nahm den Kuchen auch wirklich wieder mit.« – Klara Plöhn verkehrte, wie die Zeugenaussage verrät, die ersten Jahre noch nicht in der ›Villa Agnes‹, nachdem dort das Ehepaar May in der Osterzeit 1891 eingezogen war. – Im nicht in Frage kommenden Niederlößnitz lebten Karl und Emma May ab Frühjahr 1890 ein Jahr lang mit pekuniären Schwierigkeiten in einer Mietwohnung. Gesellschaftlich waren sie in jener Zeit dem wohlhabenden Ehepaar Plöhn überhaupt nicht ebenbürtig. Im Übrigen gebrauchte Louise Dietrich die Formulierung »in den ersten Jahren noch«; die Mehrzahl verweist eindeutig auf die ›Villa Agnes‹.

2. Karl May äußerte sich in Mein Leben und Streben zu Plöhns: »Wir waren so innig mit einander befreundet, daß wir einander Du nannten und, sozusagen, eine einzige Familie bildeten.« – Im November 1891 denkt das kinderlose Ehepaar May über eine Adoption nach. Mays Schwester, Karoline Wilhelmine Selbmann, bringt deshalb ihre neunjährige Tochter Clara Johanna nach Oberlößnitz. Das Kind lebt mehrere Monate in der ›Villa Agnes‹. Nimmt man ein Kind zu sich, wenn man gleichzeitig als »einzige Familie« mit Klara und Richard Plöhn verkehrt?

3. Karl und Emma May treffen am 10. Juni 1893 abends zu einem längeren Aufenthalte in Freiburg/Breisgau ein und sind Gast im Hause Fehsenfeld. – Während ihrer Abwesenheit beaufsichtigt der befreundete Hofrat Emil Peschel die ›Villa Agnes‹, nicht das Ehepaar Plöhn, das offenkundig den Mays noch unbekannt ist.

4. Vermutlich am 17. Juni 1893 reisen die Ehepaare Fehsenfeld und May in die Schweiz. Ihr Urlaubsdomizil ist Bönigen am Brienzersee im Berner Oberland. Obwohl Karl May laut Paula Fehsenfeld »viele schöne Ansichts-Postkarten« kauft, existieren keine, die an das Ehepaar Plöhn gerichtet sind.

5. Aus Dessau wird am 4. Februar 1894 in Emma Mays Namen ein gereimter Kartengruß an Klara Plöhn verschickt. Dies ist der früheste gesicherte Nachweis über die freundschaftliche Verbindung zwischen den Ehepaaren May und Plöhn.

6. Die Ehepaare May und Plöhn müssen sich folglich nach der Fehsenfeld-Reise und vor dem Kartengruß aus Dessau kennengelernt haben. Der Zeitraum lässt sich noch genauer eingrenzen, da es bei winterlichen Verhältnissen geschah. Die Ehepaare May und Plöhn lernten sich im Beisein von Hofrat Emil Peschel bei einem Konzertabend im ›Hotel zu den 4 Jahreszeiten‹ in Radebeul kennen. Auf dem Heimweg sei Glatteis gewesen und Klara Plöhn hätte Emma May Filzschuhe geliehen. Vermutlich fand dieses Ereignis im Spätherbst 1893 statt. Tabellarisch habe ich jene Zeit in der Bibliographie veranschaulicht und hoffe, dass ich Anregungen für weitere Forschungen geben kann.

Ralf Harder
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